RECAP: SO WAR DAS MONTICULE FESTIVAL 2016

von Dominik Wolf

Das schlimmste am Urlaub ist immer, wenn man bei der Abreise das Gefühl hat, alle anderen dürfen noch länger, ja endlos bleiben und nur man selbst muss nun die Heimreise antreten. Als wir an einem Sonntagvormittag im Juni, einige Stunden bevor die letzten Klänge verstummten, den Hügel hinabrollten, kroch dieses Gefühl den Rücken hinauf bis in den Nacken und setzte sich im Kopf als quälende Gewissheit fest: Der Urlaub ist vorbei! Vier Tage Monticule Music & Arts Festival lagen da hinter mir. Vier Tage, die sich anders angefühlt hatten, als jedes Festival, das ich zuvor je besucht hatte. Die zweite Ausgabe war meine Premiere und es gibt ein paar gute Gründe, wiederzukommen.


#1 Location

Die Frage, die sich unweigerlich stellt, wenn man sich anschaut, wo das Monticule stattfindet, ist die, warum ein Team aus Münchner Freunden beschließt, ein Festival an einem Ort zu veranstalten, der ungefähr 1300 km von ihrer Heimatstadt entfernt liegt. Die Domaine de Gayfié nämlich, dieses ehemalige Landgut auf dem namensgebenden Hügel versteckt sich am Ende einer kurvenreichen Fahrt durch bewaldete Täler und ansichtskartenidyllische Dörfer in einem sonnenbeschienenen, grünen Winkel der Vor-Pyrenäen im Südwesten Frankreichs. Vor 12 Jahren übernahm die Mutter eines der Organisatoren das Privatgrundstück, im vergangenen Jahr feierte das Monticule dort Premiere. Die Wahl hätte kaum besser ausfallen können. Alles hier sieht aus wie in einem wundervollen Klischee. Das von Weinpflanzen bewachsene Haupthaus, die gepflegten Wirtschaftsgebäude, die Aussicht auf das Tal, durch das sich der Fluss in Schleifen legt. Gezeltet wirdim Schatten der Bäume eines kleines Mischwaldes, während die Künstler in den kleinen Bungalows unterkommen, die den Rest des Jahres an Touristen vermietet werden. Erfrischendes Herzstück des Geländes ist aber ohne Zweifel der in der französischen Sonne hingestreckte Pool, der vom Vormittag bis in den frühen Abend hinein von der Poolstage aus mit den saftigen Klängen einer Function One bespielt wurde. Für das Design der Hauptbühne zeichnete in diesem Jahr die Pfandfinderei, sowieso Münchner Koryphäen der Feierlichkeiten an der frischen Luft, verantwortlich. Ganz aus Holz gebaut und mit Lichterketten stimmig inszeniert, gemahnte der Totempfahl-Look an eine skurrile Mischung aus Lederstrumpf und Mad Max. Ihr Ende fanden die Nächte meistens in der in einen Club verwandelten Scheune „La Grange“, wo sich die dritte Bühne befand.


#2 Musik

Während es auf den großen Headliner-Festivals vor allem darum geht, möglichst schnell von einer Bühne zur anderen zu hetzen, damit man ja nichts verpasst, erinnerte das Musikprogramm des Monticule eher an ein wohl balanciertes Dinner. Den Appetit holte man sich beim Aperitif am Pool, der Hauptgang wurde dann auf der Hauptbühne serviert, bevor ein wuchtiges Dessert dem Magen etwas zum Verdauen mit auf den Weg gab. Der Timetable war dabei so geschickt konzipiert, dass es möglich war, 44 Acts auf vier Tage und drei Bühnen zu verteilen, ohne unerwünschten Überschneidungen Opfer bringen zu müssen. Bemerkenswert auch, wie die Unterschiedlichkeit der Bühnen die Art und Weise der Acts beeinflusste, ihre Sets zu gestalten. Während sich am Pool alle darin überboten, die Leichtigkeit des Sommers in ihre Musik zu übersetzen, schien man sich in der dunklen, stickigen Scheune darauf geeinigt zu haben, die dicken Holzbalken auf ihre Tragfähigkeit hin zu testen.  Gleich am Donnerstag machte Philipp Lauer am Pool klar, wohin die Reise gehen könnte. Mit dem Closing Track „Crockett’s Theme“ aus der Serie Miami Vice setzte er seinem Set aus schillernd-poppigem House die Krone in der Kategorie „deep chill“ auf. Noch lässiger übersprang Konstantin Sibold am Freitag die Genregrenzen, sichtlich amüsiert von dem, was er da tat,  verhalf er R. Kelly’s „Ignition“ zum großen Moment. Am Samstag wurde dieses genussvolle Spiel von Martha van Straatens mit exotischen Sounds angereichertem Set und dem wilden, vierstündigen b2b-Auftritt von James Beyond und Michal Zietara fortgeführt. Die Hauptbühne wurde am Donnerstagabend von den beiden Hessle Audio-Gründern Ben UFO und Pearson Sound mit Techno britischer Färbung bespielt, bevor am Freitag das Showcase von Ilian Tape mit Andrea, Stenny und den Zenker Brothers anstand. Der Samstagabend gehörte dann dem taufrischen israelischen Label Malka Tuti um Asaf Samuel, Katzele und Khidja, die den Abschluss aller Auftritte auf der Hauptbühne einem zusehends übermütig werdenden Gilb’R überließen, dessen Label Versatile Records vor kurzem 20 Jahre alt geworden war. Keinesfalls unerwähnt bleiben sollte auch Helena Hauff, die es vermochte, zu einer Zeit noch Energien freizusetzen, als alle Reserven restlos aufgebraucht schienen. Kurzum: Es war eine fein temperierte Mischung aus großen Namen und Münchner Locals, die da auf dem Hügel fast ausnahmslos den Eindruck erweckten, genauso viel Freude zu haben, wie die tanzenden Leute vor ihnen.


#3 Atmosphäre

Wenn man will, kann man das Monticule auch als Projekt zur Stärkung und Vertiefung der deutsch-französischen Freundschaft verstehen. Nur 600 Karten gingen in diesem Jahr in den freien Verkauf, das Verhältnis von Franzosen und Leuten, die zumeist aus dem Dunstkreis der bayerischen Landeshauptstadt angereist waren, hielt sich ungefähr die Waage. Zusammen mit den circa 120 freiwillige Helfern und einigen Bewohnern der umliegenden Dörfern, die eingeladen worden waren, für schmale 10 Euro pro Tag mitzufeiern, blieb die Schar der Besucher (und damit auch die Warteschlagen an den Bars oder Toiletten) stets angenehm übersichtlich, was dem Ort noch mehr den Charakter einer privaten Enklave verlieh, deren Teil zu sein ein Privileg darstellt. Man merkte dem Festival in jeder Faser an, dass die Veranstalter sich explizit auf die Fahnen geschrieben hatten, alles anders machen zu wollen, als alle anderen. Über allem hing eine gewisse Leichtigkeit, die nicht dem selbstzerstörerischen Rhythmus massenhafter Festivals folgte. Wenn man ausgeschlafen hatte, ging man halt an den Pool, bestellte sich ein Getränk, ließ sich in den Tag fallen. Bärbeißige Türsteher oder Securities gab es nicht. Wozu auch? Die Leute waren sowieso tiefenentspannt. Außerdem tut es wohl jeder Veranstaltung gut, wenn sich die Veranstalter in erster Linie als aufgeregte Gäste ihres eigenen Festivals sehen. Entsprungen ist das Monticule nämlich der fixen Idee eines Kreises von Freunden, die über diverse Projekte wie die Downstairs. Galerie oder den Kongress ohnehin schon eng verbunden waren, ein Festival auf die Beine zu stellen, auf das sie auch selbst gehen würden. Diese Idee wuchs sich dann zu jenem nachhaltigen, auf Umweltschutz und Ressourcenschonung ausgerichteten kuratorischen Konzept aus, dem das Festival in jedem Aspekt folgt.


#4 Rahmenprogramm

 Mit der Musik alleine ist es nicht getan, sonst bräuchte man sich nicht auch noch „Arts“ in den Namen schreiben. Und so diente das rund um die Uhr zugängliche Gelände gleichzeitig als Resonanzraum verwandter Künste und Fertigkeiten, die der Aura des Selbstgemachten und Selbermachens nur zuträglich sein konnten, vor allem dann, wenn man drohte, der Musik kurz überdrüssig zu werden. Da waren ein von Studenten der Akademie der Bildenden Künste gestalteter Tempel, eine Tanzperformance mit Videoinstallation und vom aus New Orleans stammenden Künstler Ray Moore kreierte Kunstwerke, die sich auf dem Gelände verteilten. Yoga musste leider ausfallen, weil sich der Instrukteur unglücklicherweise das Bein gebrochen hatte, dafür konnte man Lektionen in der Malerei, der Astronomie und – wir sind hier ja schließlich in Frankreich– im Pétanque nehmen. Dagegen können die Animationsprogramme anonymer All Inclusive-Bunker einpacken.


#5 Food

Natürlich, das musste ja der letzte Punkt sein. Zwar haben einige Festivals mittlerweile erkannt, dass mit labbriger Pizza nicht mehr viel zu holen ist und daraufhin ihr Gastro-Konzept angepasst, das Monticule aber geht noch einen Schritt weiter. Um den Stellenwert des Essens als soziales Erlebnis herauszuheben, wurden dem Zeitplan jeden Abend zwischen 18 und 20 Uhr zwei Stunden abgetrotzt, während derer die Boxen stumm blieben und die Tische in der Nähe der historischen Schäferei für das gemeinsame Dinner hergerichtet wurden. Die Köche der „Monticuisine“ bereiteten für jeden Abend drei verschiedene Mahlzeiten zu, die einzeln oder als Menü bestellt werden konnten. Alles frisch und mit regionaler Note versehen, versteht sich. Genau wie das Frühstück im Übrigen, das die geradezu rührend um das Wohl ihrer Gäste besorgten Gastgeber der Domaine de Gayfié selbst übernahmen. Ein Stück Baguette, ein Buttercroissant, dazu Marmelade oder Ziegenkäse und Kaffee. Die heile Welt kann so einfach sein.

Was bleibt nun noch zu sagen über diese vier Tage auf dem Hügel in Südwestfrankreich?  Nur so viel: Wer an der Vereinbarkeit eines Musikfestivals mit einem tatsächlichen Urlaubsgefühl zweifelt, sieht das Versprechen beim Monticule eingelöst. Und: Wer noch länger Zeit hat, sollte unbedingt bleiben. Das Meer ist nicht mehr weit! Bonjour, les vacances!

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